Der nächste Dioxinskandal kommt bestimmt...
Drei Fragen an Martin Rücker (foodwatch)
Häufen sich die Lebensmittelskandale tatsächlich oder steigt nur die Berichterstattung, da die Medien durch Treiber wie foodwatch darauf gestoßen werden?
Öffentlichkeit und Medien sind heute sicherlich stärker sensibilisiert als noch vor einigen Jahren. Das ist gut so, denn die Probleme bestehen häufig seit langem. Dass den Menschen „Schinkenimitat“ aus schnittfestem Wasser als echter Schinken untergejubelt wird, wissen die Behör- den beispielsweise seit 20 Jahren – sie haben jedoch weder etwas an diesen Praktiken ändern können, noch haben sie das öffentlich gemacht. Oder nehmen Sie Dioxin: Der große Skandal Anfang des Jahres kam für Fachleute wenig überraschend, weil die entscheidenden Lücken bei der Futtermittelkontrolle bekannt sind. Und sie wurden auch jetzt nicht geschlossen, weil die Bundesregierung den Konflikt mit der Futtermittel und Agrarlobby scheut. Deshalb muss man leider fest damit rechnen, dass der nächste Dioxinskandal kommen wird.
Bei Verbrauchern und Tierschützern beliebt, von der Nahrungsmittelindustrie gefürchtet – wie bewerten Sie die Doppelrolle Ihrer Organisation?
Wenn foodwatch von der Industrie „gefürchtet“ wird, ist das doch ein Hinweis, dass wir unsere Arbeit machen. Viele Politiker versuchen den Menschen einzureden, dass eigentlich alle dieselben Ziele und Interessen haben, deshalb gibt es ja auch ein gemeinsames Ministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz. Eine absurde Konstruktion, denn tatsächlich sind die meisten Interessen genau entgegengesetzt: Hersteller wollen möglichst unbehelligt von Vorgaben und zu niedrigen Kosten produzieren und ihre Waren für möglichst viel Geld verkaufen – die Verbraucher dagegen wollen gute Qualität, niedrige Preise und verständliche Informationen über die Produkte. Aufgabe der Politik ist es, hier einen Interessenausgleich vorzunehmen. Dass foodwatch sich für Verbraucherrechte einsetzt führt zwangsläufig nicht zu großer Beliebtheit in der Industrie.
Hat sich Ihre Arbeit durch Social Media verändert?
Ja. Ganz praktisch, weil wir mit facebook, twitter & Co. zusätzliche Kanäle haben, über die wir Informationen an Interessierte weiterreichen. Aber auch qualitativ, weil wir viele Anregungen und auch viel schneller als vor Social Media eine Rückmeldung zu unserer Arbeit und zu unserer Kommunikation erhalten. Verstehen die Menschen unsere Aufregung über ein Thema, haben wir einen komplexen Zusammenhang verständlich erklärt, treffen wir den richtigen Ton? Die Nutzer von Social Media haben da ein gutes Gespür, und sie lassen es uns sofort wissen.
Martin Rücker ist Referent der K2-Tagung Krisenkommunikation, die am 13. Oktober 2011 in Düsseldorf stattfindet.
Martin Rücker ist seit Januar 2009 Pressesprecher und leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von foodwatch. Aufgabe des gelernten Journalisten ist es, seinen ehemaligen Kollegen die Themen und Positionen von foodwatch schmackhaft zu machen.